Das Burn-out in der Neurologie

300px_IMG_0999

Das Burn-out in der Neurologie

Originalartikel  als PDF herunterladen

Dr. Klaus Melinz über das Erkennen und die Behandlung des Burn-Out Syndroms aus der Sicht des Neurologen

Sie leiden unter Schwindel, Schmerzen und Konzentrationsproblemen? Was nun? Was ist die Aufgabe der Neurologie? Es könnte sich hier um Symptome eines Burn-out-Syndroms handeln. Burn-out wird in der Literatur als Syndrom beschrieben, es handelt sich also um einen Zu- stand, der sich durch das Vorliegen unterschiedlicher Krankheitszeichen (Symptome) kennzeichnet. Lange Zeit wurde dieser Zustand des Ausgebranntseins bzw. der totalen Erschöpfung nicht als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt. Die Uneinigkeit in der Beurteilung des Burn-out-Syndroms als eigenständiges Krankheitsbild kommt sicherlich auch dadurch zustande, dass sich eine Vielzahl von Beschwerden entwickeln kann und je nach Stadium des Krankheitsbildes eine Zuordnung oft schwierig ist. Stress taucht im Zusammenhang mit der Entstehung von Burn-out immer wieder auf, ist aber selbst ein Begriff, der teils schwer zu definieren ist und individuell eine sehr unterschiedliche Bedeutung und Wertigkeit hat.

Der Begriff des „Burn-out“

Graham Greene griff in seinem Roman „A Burn-Out Case“ im Jahr 1960 den schon im 16. Jahrhundert von Shakespeare geprägten Begriff des „Ausbrennens“ für Zustände der psychischen Erschöpfung sowie die dazu führenden Prozesse auf. Der amerikanische Psychoanalytiker Freudenberger beschäftigte sich mit der Burnout Problematik in den 1970er Jahren. Es handelt sich also durchaus nicht um eine „Modekrankheit“ unserer modernen Leistungsgesellschaft.

Die Diagnose

Dieser Zustand beziehungsweise das Resultat dieses sich entwickelnden Prozesses zeichnet sich durch zunehmende emotionale und körperliche Erschöpfung aus. Anfangs zeigen sich verstärktes Engagement, Überzeugung der eigenen Unersetzbarkeit, Verleugnung eigener Bedürfnisse sowie das Gefühl nachlassender Energie und chronische Müdigkeit. Im weiteren entwickeln sich ein Gefühl des „Ausgenutztwerdens“, Zynismus, Insuffi- zienzgefühle, Verzweiflung, Depressionen, Ängste, Panikattacken und unterschiedliche körperliche Beschwerden. Gerade in der Neurologie werden wir häufig mit Krankheitsbildern konfrontiert, die sich mit Schwindel, Kopfschmerzen, Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen, Schlafproblemen, Rückenschmerzen, Zittrigkeit, Muskelbeschwerden, vorübergehendem Kribbeln und Taubheitsgefühl in Armen und Beinen präsentieren.

In diesen Situationen ist es besonders wichtig, eine ausführliche und eingehende Erhebung der Krankengeschichte durchzuführen. Basierend auf einem biopsycho-sozialen Krankheitsmodell sollen auch Lebensumstände, private und berufliche Belastungen sowie seelische Einflüsse (Kränkungen, Konflikte, Ärger) im Zusammenhang mit Entstehung beziehungsweise Verstärkung vorgenannter körperlicher Beschwerden erfragt werden. Natürlich ist es unumgänglich gefährliche Krankheitsbilder auszuschließen um zum Beispiel Vorboten eines Schlaganfalles, Nervenentzündungen oder einen Bandscheibenvorfall rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln.

Hier steht in der Neurologie die körperliche Untersuchung im Vordergrund. In weiterer Folge können dann Untersuchungen wie Ultraschall, eine Magnetresonanztomografieuntersuchung (MRT = Schichtbilddarstellung) des Gehirns oder Rückenmarks, EEG (Messung der Gehirnfunktion) oder Nervenleitmessung sowie Muskelfunktionsuntersuchung angeschlossen werden.

Der Mensch steht im Mittelpunkt!

Therapeutisch ist es wichtig, Vertrauen zu schaffen, den Betroffenen einfühlsam aufzuklären und zu beruhigen. Es sollte darauf hingewiesen werden, dass gefährliche körperliche Erkrankungen ausgeschlossen werden konnten. Zusammenhänge zum Erschöpfungszustand werden erläutert, Beschwerden aber nicht bagatellisiert. Der Mensch und nicht das Krankheitsbild steht im Mittelpunkt. Vor dem Hintergrund eines ganzheitsmedizinischen Ansatzes werden Zusammenhänge bespro•chen und ein individuelles Behandlungskonzept erstellt. Medikamente und nicht-medikamentöse Konzepte sollen die Betroffenen dabei unterstützen möglichst rasch wieder zu einem gesunden Lebensalltag zurückzukom•men. Hier ist vor allem auch die weitere gemeinsame Betreuung des Patienten mit einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie hervorzuheben.